Hochsensible leben häufiger fleischlos

Hochsensible Menschen leben häufiger vegan oder vegetarisch – dies hat eine Auswertung des Ernährungsverhaltens der Mitglieder der Partnerbörse Gleichklang zu Tage gebracht. Damit bestätigt sich eine Vermutung, die sich auf vielen Internetseiten findet, für die aber bisher noch die Belege fehlten.

Die Erklärung für den besonders häufigen Fleischverzicht hochsensibler Menschen liegt vermutlich in ihren sensitiveren Wahrnehmungsprozessen und der dadurch entstehenden Empathie auch mit Tieren als fühlende Wesen. Denn Mitgefühl ist letztlich schwer vereinbar mit der Tötung von Tieren, um sie zu essen.

Tatsächlich zeigen Studien, dass die Tötung von Tieren für den Fleischkonsum sogar allgemein Unbehagen verursacht. Typischerweise wird dies Unbehagen aber ausgeblendet und das lebendige Tier vom Fleisch auf dem Teller mental getrennt. Hochsensible Menschen scheinen den Sachverhalt weniger auszublenden, dass Fleisch von einem einstmals lebendigen Tier stammt.

Studienergebnisse

Im Rahmen der Studie wurden die Daten von mehr als 10000 hochsensiblen und nicht-hochsensiblen Menschen ausgewertet:

  • 21,6% von 12153 nicht-vegan lebenden Mitgliedern gaben an, hochsensibel zu sein. Demgegenüber gaben von den 1041 vegan lebenden Mitgliedern 35,6% an, hochsensibel zu sein.
  • 6,6% von 10195 nicht-hochsensiblen Mitgliedern gaben an, vegan zu leben. Von 2996 hochsensiblen Mitgliedern gaben demgegenüber 12,4% an, vegan zu leben.
  • 28,6% von 8061 nicht-hochsensiblen und nicht vegan lebenden Mitgliedern gaben an, vegetarisch zu leben. Demgegenüber gaben von 2354 hochsensiblen und nicht veganen Mitgliedern 39,4% an, vegetarisch zu leben.
  • 19,9 von 7178 nicht veganen und nicht vegetarischen Mitgliedern gaben an, hochsensibel zu sein. Von 3236 nicht veganen, aber vegetarischen Mitgliedern gaben demgegenüber 28,6% an, hochsensibel zu sein.
  • Alle Unterschiede waren mit einer Wahrscheinlichkeit von über 99% überzufällig, ließen sich also nicht durch zufällige Stichprobenschwankungen erklären.

Vorteile pflanzenbasierter Ernährung

Studien weisen darauf hin, dass Fleischkonsum und Nutztierhaltung zu gravierenden Umweltproblemen führen. Zudem werden Lebensmittel vergeudet, weil über 70 Miliarden Landtiere pflanzlich ernährt werden müssen, damit von ihnen Fleisch und andere Tierprodukte gewonnen werden können. Zunehmend weisen Studien ebenfalls auf die gesundheitsschädlichen Auswirkungen von Fleischkonsum bzw. die Gesundheitsvorteile einer fleischfreien Ernährung hin. Im Ergebnis des Fleischkonums verlieren zudem jedes Jahr 70 Milliarden Landtiere und mehr als eine Billionen Fische ihr Leben.

Vor dem Hintergrund dieser Befunde vertreten Wissenschaftler zunehmend die Position, dass eine nachhaltige Ernährung der Weltbevölkerung nur mit einer pflanzenbasierten Ernährung möglich sei.

Hochsensibilität als Motor für Ernährungswandel

Hochsensible Menschen scheinen eine besonders hohe Bereitschaft zu haben, sich auf einen Ernährungswandel hin zu einer pflanzenbasierten vegetarischen oder veganen Kost einzulassen. Ihre hohe Sensitivität führt offenbar dazu, dass sie – stärker als nicht-hochsensible Menschen – den gewaltbesetzten Charakter der Tötung von Tieren wahrnehmen. Deshalb fällt es ihnen leichter, sich für eine pflanzenbasierte vegetarische oder vegane Ernährungsweise zu entscheiden.

Mit ihrer größeren Bereitschaft für einen Ernährungswandel tragen hochsensible Menschen durch ihre persönliche Modellfunktion in besonders hohem Ausmaß zur Ausbreitung pflanzlicher Ernährungsweisen bei. Diese Ernährungsweisen sind geeignet,  der Umweltzerstörung entgegenzuwirken, Tierleid abzubauen und eine lebenswertere Welt aufzubauen. Eine solche Welt ist mit den sensitiven Wahrnehmungsweisen hochsensibler Menschen besser vereinbar als die heutige Realität.  Für ihre Entstehung können hochsensible Menschen einen wichtigen Beitrag leisten.

Hintergrund zur Studie

Die Datenauswertung bezieht sich auf Mitglieder und Ex-Mitglieder von Gleichklang.

Erfassung von Hochsensibilität

Bei Gleichklang wird von den Mitgliedern erfragt, ob sie sich als hochsensibel einschätzen. Dabei wird den Mitgliedern vor der Fragebeantwortung erklärt, was unter Hochsensibilität zu verstehen sei.  Betont werden als Definitionsmerkmale die besonders ausgeprägte und detailreiche Wahrnehmung, die deutliche Tendenz zum intuitiven Denken, das oft sehr intensives Erleben von Musik oder Kunst, die erhöhte Begeisterungsfähigkeit und die besonders komplexe Fantasietätigkeit. Ebenfalls wird dargelegt, dass hochsensible Personen häufig eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit und eine leichtere Beeinflussbarkeit durch Stimmungen und Verhalten anderer Menschen aufweisen.

Hochsensibilität wird auf eine fünfstufigen Skala (nein, eher nein, weiß nicht, eher ja, ja) erfasst. In der aktuellen Untersuchung wurden diejenigen, die Hochsensibilität sicher bejahten, mit denjenigen verglichen wurden, die sie eher oder sicher verneinten. Damit sollte gewährleistet werden, dass auch tatsächlich hochsensible mit nicht-hochsensiblen Mitgliedern verglichen werden und eine Vermischung in der Datenauswertung vermieden wird.

Begründung

Wer nach Vorlage der Definition ein eher nein oder nein ankreuzt, erfüllt offensichtlich nicht die Merkmale des Konzepts der Hochsensibilität. Es ist daher sinnvoll, diese beiden Gruppen als nicht-hochsensibel zusammenzufassen. Wer nur ein vielleicht oder eher ja angibt, scheint das Merkmal ebenfalls nicht sicher oder nur teilweise zu erfüllen. Die in der Antwort zu Tage tretende Unsicherheit weist darauf hin, dass Hochsensibilität in ihrer prägnanten Form wahrscheinlich nicht gegeben ist. Personen mit eher ja oder vielleicht Angabe wurden aber dennoch nicht als nicht-hochsensibel in die Studie einbezogen, weil es wahrscheinlich ist, dass sich unter ihnen auch ein gewisser Anteil tatsächlich Hochsensibler befindet, die sich aber durch ein besonders vorsichtiges Antwortverhalten auszeichneten. Daher wurden diese Personen nicht in die Studie einbezogen. Demgegenüber ist bei denjenigen, die ja angaben, davon auszugehen, dass das Merkmal mit tatsächlich hoher Wahrscheinlichkeit auch tatsächlich vorliegt. Ansonsten hätten die Betreffenden mit hoher Wahrscheinlichkeit die die möglichen schwächeren Antwortmöglichkeiten gewählt.

Erfassung der Ernährung

Bei Gleichklang wird von allen Mitgliedern durch einfaches Ankreuzen erfragt, wie sie sich ernähren (vegan, vegetarisch, nicht-vegetarisch).

Repräsentativität der Befunde

Bei Gleichklang sind erheblich mehr vegan und vegetarisch lebende Menschen als in der Allgemeinbevölkerung. Insofern können die Daten bezüglich der absoluten Zahlen keine Repräsentativität für sich beanspruchen. Dies hat aber keinen Einfluss auf den Vergleich der hochsensiblen und nicht-hochsensiblen Mitgliedern miteinander. Sachlage ist, dass sich die hochsensiblen Mitgliedern häufiger vegan oder vegetarisch ernähren als die nicht-hochsensiblen Mitglieder. Dies lässt sich nicht durch die allgemein höheren Vegetarier- und Veganer-Raten bei Gleichklang erklären.

Vielmehr belegt die Datenauswertung einen spezifischen Effekt der Hochsensibilität auf das Ernährungsverhalten:

Obwohl bei Gleichklang sowieso deutlich mehr Vegetarier und Veganer sind als in der Allgemeinbevölkerung, ernähren sich die hochsensiblen Mitglieder noch einmal deutlich häufiger vegetarisch oder vegan als die nicht-hochsensiblen Mitglieder. Die Aussage, dass Hochsensible häufiger vegan oder vegetarisch leben als nicht-hochsensible Menschen, wird damit durch die Studie belegt.

 

About Author:

Guido F. Gebauer, studierte Psychologie an den Universitäten, Trier, Humboldt Universität zu Berlin und Cambridge (Großbritannien). Promotion an der University of Cambridge zu den Zusammenhängen zwischen unbewusstem Lernen und Intelligenz. Im Anschluss rechtspsychologische Ausbildung, Tätigkeit in der forensischen Psychiatrie und 10-jährige Tätigkeit als Gerichtsgutachter. Gründung der psychologischen Kennenlern-Plattform www.Gleichklang.de 2006. Arbeitet seither als Psychologe für Gleichklang. Autor bei Hochsensible.eu, vegan.eu und Menschenrechte.eu

14 thoughts on “Hochsensible leben häufiger fleischlos

  1. Ich finde es etwas schade, dass es bei der Umfrage keine Abstufungen beim Fleischkonsum gab. Eine Flexitarische Ernährung/geringer Fleischkonsum ist finde ich schon etwas anderes.

    1. Sicherlich wäre auch diese ein weitere Frageoption gewesen. Trotzdem sind die Ergebnisse aber ja evident, die eben zeigen, dass Hochsensible erheblich häufiger vegan oder vegetarisch leben als nicht-hochsensible Menschen.

    1. Wir müssen schauen, ob wir die Zeit finden, die Befunde in einem Fachjournal zu veröffentlichen. Möglicherweise werden wir sie in Appetite veröffentlichen, einem Fachjournal, welches auch immer daran interessiert ist, Studien zu vegetarischer und veganer Ernährung aufzunehmen. Wenn dies der Fall sein sollte, werden wir hier und in unserem Newsletter Bescheid geben.

  2. Ich finde es etwas seltsam, dass bei der Erfassung der Hochsensibilität die Angabe „eher nein“ gewertet, die Angabe „eher ja“ aber nicht in die Studie mit einbezogen wurde. Das ergibt für mich kein ausgewogenes Bild.

    1. Der Grund ist derjenige, dass wir in die Gruppe der Hochsensiblen nur Personen einbeziehen wollten, die dies auch sicher sind. Wer daran Zweifel hat, hat womöglich begründete Zweifel. Dies zeigen übrigens auch die Daten der laufenden Umfrage: Personen, die die Frage eindeutig bejahen, unterscheiden sich erheblich von denjenigen, die sie nur eher bejahen. Umgekehrt ist ein nein oder ein eher nein letztlich kein großer Unterschied, denn diese Personen sind ja gemäß ihrer Selbsteinschätzung eindeutig weit entfernt vom Konzept der Hochsensibilität. In unseren Daten sind sie tatsächlich zwei Stufen (vielleicht, eher ja) davon entfernt. Übrigens zeigt die laufende Umfrage ebenfalls, dass sich nein und eher nein nicht mehr stark unterscheiden. Zusammengefasst, wollten wir in unserer Datenauswertung nur Personen vergleichen, von denen mit hoher Sicherheit davon ausgegangen werden kann, dass sie entweder hochsensibel oder nicht hochsensibel sind. Bei der Stufe eher ja ist dies aber nicht gegeben, während die Stufe eher nein bereits sehr deutlich macht, dass offenbar keine Hochsensibilität vorliegt.

      1. Wer kann schon so genau wissen, ob er hochsensibel ist, wenn er bei Ihnen zum ersten Mal mit diesem Phänomen konfrontiert wird und vorher noch nie von dieser Kategorie gehört hat?! Erst die Beschäftigung mit Ihrer Umfrage hat mir da mehr Sicherheit bezüglich meiner Selbsteinschätzung gegeben. Außerdem dürften die Grenzen zwischen „hochsensibel“ und „nicht hochsensibel“ – wie auch bei allen anderen menschlichen Eigenschaften – fließend sein.

        1. Das ist völlig richtig. Genau deshalb wollen wir ja auch mithilfe diese Umfrage einen Test entwickeln, der Menschen hier eine klarere Antwort ermöglichen soll. Der Test soll nicht nur feststellen, ob Hochsensibilität vorliegt oder nicht, sondern ebenfalls rückmelden, inwiefern es einem Menschen gelingt, diese als Ressource einzusetzen oder ob sie derzeit noch eine Belastung ist. Hierdurch wollen wir Prozesse von Reflexion und Selbstoptimierung unterstützen. Dennoch ist davon auszugehen, dass bei Personen, die Hochsensibilität für sich nach Vorlage der Definition eindeutig bejahten, tatsächlich mit größerer Wahrscheinlichkeit vorliegt als bei Personen, die eine Unsicherheit zum Ausdruck brachten. Mit dieser Überlegung begründet sich die Gruppenzusammensetzung in unserer Auswertung.

  3. Das Ergebnis war mir natürlich schon vorher klar: Wer zartfühlend ist, kann sich nicht von Leid und Qual anderer Lebewesen ernähren. Aber da unsere Gesellschaft nun einmal so betonköpfig auf diese Art von Wissenschaft aufgebaut ist, finde ich gut, dass diese Fragen auch auf dem Niveau erörtert werden und hoffe, dass am Ende dann doch die Einsicht von vielen unserer Ernährung eine Wende bereitet in Richtung reiner Pflanzenkost.Was dieses „Flexikariertum“ überhaupt bedeuten soll, verstehe ich nicht ganz. Aus meiner Sicht sind das Leute, die sich für nichts richtig entscheiden können und in Bezug auf eine Heilung unserer Gesellschaft völlig irrelevant.

  4. Drawida, ich denke, Flexitarier sind Leute, die die Schädlichkeit des hohen Fleischkonsums auf unsere Umwelt und unser Klima wohl erkannt haben, die aber dennoch nicht ganz auf den Verzehr von Fleisch verzichten wollen. Aus meiner Sicht ist das eine respektable Haltung. Es könnte sich dabei bei manchen auch um eine Übergangsstufe hin zum Vegetarismus handeln. Auch ich selbst bin nicht von heute auf morgen zur Vegetarierin geworden.

  5. Ich bin auch hochsensibel und finde es bedauerlich, daß sehr viele Vegetarier und insbes. Veganer nach meiner Erfahrung ziemlich radikal und missionierend unterwegs sind und teils geradezu aggressiv und verurteilend werden, wenn sie einem Fleischesser begegnen, der für sich einfach nur Akzeptanz erbittet. Das läßt sich auch in vielen Foren nachlesen.

    Ich lebe auch vegetarisch aus Überzeugung und würde mir wünschen, daß niemand mehr Fleisch ist und die wunderbaren Tiere nicht mehr FÜR den Menschen leiden und sterben müßten. Aber das ist unrealistisch, und ich maße mir nicht an, die (Noch)-Fleischesser zu bewerten und über sie als Mensch zu urteilen bzw. sie zu verurteilen. Das steht niemandem zu – egal bei welchem Thema – und solch oberflächliche Betrachtung zeugt von einem relativ niedrigen Bewußtheitsgrad und noch fehlender Reife, wenn man andere Leute niedermacht und die eigene Überzeugung aufzwingen will.

    Warum darf der Fleischesser nicht einfach so sein und leben, wie er es derzeit KANN und es seinem individuellen Entwicklungsstand entspricht? Wir sind doch alle hier auf Erden, um zu lernen und zu wachsen. Und Veränderung/Wachstum kann man niemandem aufzwingen und einfordern, das kann und muß jeder immer für sich selbst erfahren dürfen – und das setzt vorus, daß man allemöglichen eigene Erfahrungen machen darf, die einem von anderen nicht einfach abgenommen werden. Der Gewinn eigener Erkenntnisse aus eigenen Erfahrungen läßt sich durch nichts ersetzen.

    Demgegenüber gehört es zu den Lernaufgaben der Menschen, über Andersdenkende nicht zu urteilen, sondern sie – auch wenns manchmal schwerfällt – einfach zu akzeptieren und auch ihren ganz individuellen Weg zu respektieren. Es steht ja jedem frei, sich zu distanzieren und unter Gleichgesinnten zu sein. Aber Akzeptanz und das Anerkennen dessen, daß wir uns ALLE auf einem lebenslangen Lernweg befinden und jeder andere Aufgaben hat, darf man erwarten, denke ich.

    Insbesondere von Hochsensiblen, die aufgrund ihrer Andersartigkeit das unangenehme Gefühl von Bewertetwerden/Ausgrenzung u.ä. bestens aus eigener Erfahrung kennen und die sich immer so sehr wünschen, in ihrem So-Sein voll angenommen zu werden und meist über starke Empathie verfügen… ausgerechnet vieler solcher eigentlich hochentwickelten Menschen reagieren auf Fleischesser häufig total verurteilend, anmaßend belehrend und oft sogar beschimpfend aggressiv und schaffen es nicht, auf die wertfreie, neutrale Ebene von Akzeptanz zu treten.
    Eines haben doch alle Menschen gemeinsam:
    Wir möchten so angenommen werden in unserem Sein, wie wir sind!

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