Hochsensibilität: Umfrage-Ergebnis und Test

Wir entwickeln gerade einen „Test Hochsensibilität“ und haben dafür unsere Umfrage zur Hochsensibilität ausgewertet. In diesem Artikel wird der Frage nachgegangen, welche Merkmale uns helfen, hochsensible und nicht-hochsensible Menschen voneinander zu unterscheiden? Die Frage wird anhand einer statistischen Auswertung unserer laufenden Umfrage zur Hochsensibilität beantwortet.

Demnächst werden wir auf hochsensible.eu auf dieser Grundlage den „Test Hochsensibilität „bereitstellen. Dieser Test soll es allen Interessierten erleichtern, für sich die Frage “ Bin ich hochsensibel? “ zu beantworten. Dies wiederum wird es Gleichklang-Mitgliedern erleichtern, die Frage nach eigener Hochsensibilität korrekt zu beantworten. Bei Gleichklang unterstützen wir unsere hochsensiblen Mitglieder gezielt bei der Partnersuche. Deshalb ist Selbsteinschätzung der eigenen Hochsensibilität sehr wichtig und soll durch den bald kommenden Test unterstützt werden.

Damit wir diesen “ Test Hochsensibilität “ auf eine noch breitere Grundlage stellen können, bitten wir alle Leser und Leserinnen, sich jetzt noch an der Umfrage zu beteiligen und auch Freunde und Bekannte auf die Umfrage aufmerksam zu machen.

Bisherige Stichprobe

3093 Personen haben bereits an unserer Umfrage zur Hochsensibilität teilgenommen.

2625 gaben auf die Frage, ob sie hochsensibel seien, „Ja“ oder „eher Ja“ an. 468 gaben ein „Nein“ oder ein „eher Nein“ an. Bei der Frage wurde den Lesern und Leserinnen auch erklärt, was Hochsensibilität ist, damit keine rein willkürlichen Antworten erfolgten.  Es ist nicht verwunderlich, dass die Hochsensiblen stark in unserer Stichprobe überwiegen. Denn hochsensible Menschen interessieren sich mehr für diese Umfrage als nicht-hochsensible Menschen.

Für die Auswertung ist dies kein Problem, da es um die Unterschiede zwischen Hochsensiblen und Nicht-Hochsensiblen geht. Um diese feststellen zu können, brauchen die Stichprobenumfänge nicht gleichgroß sein. Trotzdem würden wir uns noch mehr nicht-hochsensible Teilnehmer für die Umfrage wünschen.

Unter den 3093 Teilnehmenden befanden sich 981 Männer, 2082 Frauen, 5 Intersexuelle und 25 Personen, die sich durch diese Begriffe nicht richtig beschrieben fühlten. Das Überwiegen von Frauen ist ebenfalls nicht erstaunlich. Frauen interessieren sich mehr für psychologische Themen und weisen häufiger Merkmale der Hochsensibilität auf. Dies spiegelt sich in der Stichprobenzusammensetzung wieder.

Das Alter der Teilnehmenden schwankte zwischen 11 und 87 Jahren, wobei das Durchschnittsalter bei 46,72 Jahren lag (Median 48 Jahre).

Bezüglich des höchsten erreichten Bildungsstandes gaben 0,5% der Stichprobe an, keinen Schulabschluss zu haben. 4,4% gaben einen Hauptschulabschluss als höchsten Bildungsabschluss an, 18,9% einen Realschulabschluss, 25,9% das Abitur oder Fachabitur, 46,8% ein Hochschulsstudium, 3,3% eine Promotion und 0,3% eine Habilitation. Der Bildungsstand der Stichprobe war insofern im Durchschnitt weitaus höher als der durchschnittliche Bildungsstand der Allgemeinbevölkerung.

Geschlecht, Alter, Bildungsstand und Hochsensibilität

Welche Zusammenhänge bestehen zwischen Geschlecht, Alter, Bildungsstand und Hochsensibilität?

Hierzu wurden die einfachen (punktbiserialen) Korrelationen zwischen Geschlecht, Alter und Bildungsstand mit Hochsensibilität berechnet. Hochsensibilität wurde als zweigestufte Variable (Nein und eher Nein=0, Ja und eher Ja=1) herangezogen.

Eine Korrelation misst die Stärke des Zusammenhanges zwischen Merkmalen. Eine Korrelation von 0 bedeutet, dass gar kein Zusammenhang besteht. Eine Korrelation von 1 bedeutet, dass zwei Merkmale perfekt miteinander korreliert sind. Korrelation bis zu einer Größe von r=0,20 gelten als sehr niedrig.

Das Alter zeigte eine nicht-signifikante Korrelation von r=-,002 mit Hochsensibilität. Es scheint demnach keinerlei Zusammenhang zwischen Alter und Hochsensibilität zu geben.

Der Bildungsstand zeigte eine statistisch signifikante, aber minimale negative Korrelation von r=-,067 mit Hochsensibilität. Insofern scheinen Hochsensible im Durchschnitt einen etwas geringeren Bildungsstand aufzuweisen. Allerdings ist die Korrelation derartig niedrig, dass sie im Grunde bedeutungslos ist. Hochsensibilität und Bildungsstand sind insofern nahezu unabhängig voneinander.

Wegen der geringen Anzahl wurden Intersexuelle und Andere nicht in die Analyse der Zusammenhänge zum Geschlecht mit einbezogen. Das Geschlecht zeigte eine signifikante, aber sehr geringe positive Korrelation (Frauen=2, Männer =1) mit Hochsensibilität (r=,131).  Das Ergebnis bestätigt, dass Hochsensibilität bei Frauen offenbar häufiger vorkommt als bei Männern. Allerdings ist der Effekt sehr schwach, so dass nur von einem geringfügigen Geschlechtsunterschied ausgegangen werden kann. Hochsensibilität kann grundsätzlich ebenso bei Frauen wie bei Männern auftreten.

Was unterscheidet Hochsensible und Nicht-Hochsensible?

Alle Teilnehmenden wurden gebeten, sich selbst anhand von 41 Merkmalen einzustufen. Von diesen Merkmalen wurde aus theoretischen Gründen bereits vorab angenommen, dass sie bei Hochsensiblen stärker ausgeprägt sein würden.

Die Einstufung der Merkmale erfolgte auf einer fünfstufigen Skala (starke Ablehnung, Ablehnung, weder noch, Zustimmung, starke Zustimmung).

Als Hypothese wurde erwartet, dass Hochsensible allen 41 Merkmale stärker zustimmen würden als Nicht-Hochsensible.

Die Hypothese konnte für jedes der 41 Merkmale bestätigt werden. Bei allen 41 Merkmalen wiesen Hochsensible eine im Durchschnitt höhere Zustimmungsrate auf als Nicht-Hochsensible. Zudem erreichte dieser Unterschied bei allen 41 Merkmalen die statistische Signifikanz. Dabei wurde aufgrund der vielen Vergleiche (die zu Zufallstreffern führen können) ein sehr strenges Signifikanzniveau von 99,9% zugrunde gelegt. Ein Unterschied zwischen den hochsensiblen und nicht hochsensiblen Teilnehmenden wurde also nur als signifikant bewertet, wenn er mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,9% nicht durch Zufall hätte zustande kommen können.

Hier werden die Ergebnisse für die 41 Merkmale präsentiert. Gezeigt wird die durchschnittliche Einstufung für jedes Merkmal durch die Nicht-Hochsensiblen (Nein, eher Nein) und durch die Hochsensiblen (Ja, eher Ja). Ausnahmslos ist erkennbar, dass die 41 Merkmale durch die Hochsensiblen im Durchschnitt mit einer höheren Zustimmung bedacht wurden als durch die Nicht-Hochsensiblen. Die ebenfalls aufgeführten Korrelationen zwischen Hochsensibilität/Nicht-Hochsensibilität und den Merkmalen erreichten, wie bereits oben geschrieben, ausnahmslos die statistische Signifikanz.

 

Nein/eher nein Ja/eher ja Korrelation
Ausgeprägtes emotionales Erleben 3.41 4.44 0.46
Intensive Wahrnehmung von Stimmung und Gefühlen anderer Menschen 3.43 4.43 0.45
Sehr detailreiche Wahrnehmung 3.15 4.20 0.44
Starkes inneres Erleben von Musik oder Kunst 3.11 4.21 0.44
Hochgradige Fähigkeit zur Intuition 3.21 4.19 0.42
Langes Nachklingen von Gefühlen 3.49 4.42 0.42
Sehr hohe emotionale Verletzlichkeit 3.18 4.23 0.40
Mitschwingen mit den Stimmungen anderer 3.27 4.21 0.39
Sehr intensive und differenzierte Fantasie 3.08 4.06 0.39
Vielschichtig sehr vielschichtige Gedankengänge 3.86 4.57 0.37
Hohe Einfühlung und Empathie 3.72 4.48 0.36
Hohe Empfindlichkeit gegenüber Lautstärke und starken Reizen 3.40 4.34 0.36
Starke Schmerzempfindlichkeit 2.50 3.52 0.34
Sehr interessiert an Selbsterfahrung 3.69 4.35 0.30
Ausgeprägte Auseinandersetzung mit Spiritualität 2.92 3.84 0.28
Starker Wunsch nach einer liebevollen Welt 3.98 4.52 0.28
Hohe Begeisterungsfähigkeit 3.54 4.19 0.28
Intensive Träume in der Nacht 2.95 3.73 0.27
Bin schnell überfordert 2.60 3.43 0.27
Fühle mich unverstanden 2.62 3.43 0.26
Häufige Ängste 2.69 3.50 0.26
Praktizierung von meditativen Praktiken 2.93 3.67 0.25
Viel Traurigkeit 2.80 3.55 0.25
Neigung zu Tagträumen 3.24 3.92 0.25
Starkes Streben nach Harmonie 3.89 4.40 0.24
Hohes Gerechtigkeitsempfinden 4.27 4.65 0.23
Ziehe mich stark zurück 3.03 3.67 0.22
Ausgeprägte Betrachtung von Gesamtzusammenhängen 3.94 4.38 0.22
Positives Erleben von Stille 4.03 4.48 0.21
Fühle mich ungerecht behandelt 2.40 3.03 0.21
Habe viele körperliche Beschwerden 2.23 2.91 0.20
Vielfältig interessiert 4.02 4.44 0.20
Zweifle an mir selbst 3.05 3.67 0.20
Bin oft hilflos 2.12 2.71 0.20
Werde ausgenutzt 2.33 2.86 0.17
Verzweifle an dieser Welt 2.57 3.13 0.17
Werde gemobbt 1.80 2.29 0.16
Augeprägter Wunsch, Konflikte ruhig und freundlich zu klären 3.98 4.31 0.15
Verabscheuung von körperlicher Gewalt 4.27 4.55 0.12
Bin sozial isoliert 2.30 2.66 0.11
Kann mich nicht durchsetzen 2.78 3.12 0.11

Wie lassen sich die Befunde interpretieren?

Die Ergebnisse lassen sich folgendermaßen am besten zusammenfassen und interpretieren:

  • Frauen sind etwas häufiger hochsensibel als Männer, aber der Unterschied ist gering. Das Geschlecht allein sagt insofern kaum etwas darüber aus, ob ein Mensch hochsensibel ist oder nicht. Das Alter spielt gar keine Rolle und der Bildungsstand spielt eine so minimale Rolle, der er offenbar zu vernachlässigen ist.
  • Hochsensible und Nicht-Hochsensible unterscheiden sich in einer Reihe an Merkmalen, die sich auf die Detailliertheit der Wahrnehmung, Intensität und Tiefe des emotionalen Erlebens, Empathie und Mitgefühl, die Komplexität des Denkens, aber auch die Empfindlichkeit gegenüber Reizen (Lautstärke, Schmerzen), soziale Entfremdungs-, Rückzugs- und Isolationsprozesse sowie psychische Labilität (Ängste, Traurigkeit, Hilflosigkeit) beziehen.
  • Ausgeprägtes emotionales Erleben, intensive Wahrnehmung, ganzheitliches Denken und empathisches Erleben scheinen typischerweise am stärksten zwischen Hochsensiblen und Nicht-Hochsensiblen zu unterscheiden. Demgegenüber weisen psychische Beschwerden (Ängste, Traurigkeit, Hilflosigkeit, Selbstzweifel, körperliche Beschwerden) nur erheblich geringere Zusammenhänge zur Hochsensibilität auf. Gleiches gilt für soziale Entfremdungsprozesse, wie Isolation, Mobbing, mangelnde Durchsetzung und Ausnutzung.
  • Hochsensibiltät erscheint nach diesen Ergebnissen vor allem als eine Ressource, die sich durch eine hohe Intensität, Komplexität und Differenziertheit von Gefühlsleben, Wahrnehmung und Denken auszeichnet. Hieraus resultiert zwar grundsätzlich auch eine erhöhte Verletzlichkeit, die sich aber keineswegs notwendigerweise in Form von psychischen Beschwerden und sozialer Entfremdung manifestieren muss.

Test Hochsensibilität

  • Wir sind dabei, einen theoretisch und statistisch fundierten Test zur Feststellung von Hochsensibilität zu entwickeln, der zuverlässig hochsensible und nicht-hochsensible Menschen voneinander unterscheiden soll. “ Bin ich hochsensibel? “ wird allen Interessierten zur Verfügung stehen, um zu einer verbesserten Selbsteinschätzung zu gelangen. Dazu werden wir die hier dargestellten Merkmale heranziehen. Die aktuellen statistischen Analysen zeigen bereits, dass eine gute Differenzierung anhand dieser Merkmale möglich ist.
  • Zusätzlich soll der Test ebenfalls erfassen, wie stark es einem hochsensiblen Menschen gelingt, Hochsensibilität als Ressource zu nutzen oder wie stark eine aus der Hochsensibilität resultierende Belastung ist.
  • Bei erhöhten Belastungswerten wird der Test konkrete Empfehlungen geben, wie die Belastung reduziert und Ressourcen aktiviert werden können.
  • Wir möchten den Stichprobenumfang noch etwas weiter steigern, bis wir den Test veröffentlichen. Wir rechnen mit einer Veröffentlichung Ende Februar oder Anfang März. Wer sich in den Newsletter eingetragen hat, wird über die Verfügbarkeit des Tests per Email informiert werden.

About Author:

Guido F. Gebauer, studierte Psychologie an den Universitäten, Trier, Humboldt Universität zu Berlin und Cambridge (Großbritannien). Promotion an der University of Cambridge zu den Zusammenhängen zwischen unbewusstem Lernen und Intelligenz. Im Anschluss rechtspsychologische Ausbildung, Tätigkeit in der forensischen Psychiatrie und 10-jährige Tätigkeit als Gerichtsgutachter. Gründung der psychologischen Kennenlern-Plattform www.Gleichklang.de 2006. Arbeitet seither als Psychologe für Gleichklang. Autor bei Hochsensible.eu, vegan.eu und Menschenrechte.eu

15 thoughts on “Hochsensibilität: Umfrage-Ergebnis und Test

  1. in dem Satz „Demgegenüber weisen psychische Beschwerden (Ängste, Traurigkeit, Hilflosigkeit, Selbstzweifel, körperliche Beschwerden) nur erheblich geringere Zusammenhänge zur Hochsensibilität auf. „stimmt etwas nicht

    1. Mit dem Satz ist gemeint, dass psychische Beschwerden und soziale Probleme ebenfalls häufiger bei Hochsensiblen auftreten als bei Nicht-Hochsensiblen. Allerdings ist die Korrelation von Hochsensibilität zu solchen Problemen geringer als zu den dargestellten Ressourcen.

  2. An dem Text gefällt mir nicht, dass er nicht berücksichtigt, dass hochsensible Menschen bereits einen guten Umgang mit ihrer Besonderheit erworben haben können. Wenn ich den Test richtig verstehe, werden Traurigkeit, Ängste, Verzweifelung, mangelndes Durchsetzungsvermögen etc. etc. automatisch als Anzeiger für Hochsensibilität gewertet. Das verfälscht m. E. nach das Ergebnis. Denn es gibt sicherlich auch viele hochsensible Menschen,die gelernt haben gut mit sich umzugehen (dazu zähle ich auch mich selber 🙂 .

    1. Trauer, Angst etc. werden NICHT als Indikator für Hochsensibilität gewertet, sondern als Anzeichen für eine erhöhte Belastung. Der Test erfasst Hochsensibilität und inwiefern es Hochsensiblen gelingt, ihre Hochsensibilität als Ressource zu aktivieren – oder ob eben Belastungen dominieren. Wenn Belastungen dominieren werden Veränderungstipps gegeben.

    1. bassetnecke, „teilweise“ gibt es nach aktueller Auffassung nicht. Es handelt sich um einen genetischen Schalter, der aktiviert sein kann oder nicht. Es gibt bei der Sensibilität praktisch 2 nebeneinander liegende Glockenkurven – ohne Überschneidung – mit einer Lücke dazwischen. Sie können sich nur innerhalb „Ihrer“ Glockenkurve weiter links oder rechts verorten.

      1. Das ist eine Theorie, die aber keineswegs bewiesen ist und in der Persönlichkeits-Psychologie haben sich bisher nahezu nur dimensionale Konstrukte durchsetzen können. Auch in unseren Daten sehe ich einfach nur eine Verteilung und keinen Hinweis für irgendeene Lücke. Ich glaube, es ist ähnlich wie bei Hochbegabten, die auch keine Lücke zu normal begabten aufweisen, sondern die entsprechenden Merkmale einfach nur quantiativ stärker entwickelt haben. Menschen mit den Ergebnissen nicht, teilweise und vollauf unterscheiden sich in nahcvollziehbarer Art und Weise, wobei die Menschen mit teilweise zwischen den anderen beiden Kategorie liegen. Dabei ist das natürlich bereits eine Vereinfachung, da es in Wirklichkeit nach m.E. quasi unendlich viele Zwischenstufen gibt.

  3. Ich finde ebenfalls, dass der Test zu wenig die Lebenserfahrung berücksichtigt und dass jeder eine andere Bewältigungsstrategie für bestimmte Lebenssituationen entwickelt hat. Das geht hin bis zu einer veränderten Weltsicht oder auch verhärteten Gefühlen als Reaktion auf Enttäuschungen und positiven Feedback bei Anwendung von „Maschen“ oder Simulation von normaltypischem Verhalten. Ich selbst hätte diesen Test mit 15 Jahren ganz anders beantwortet als mit 50. Dabei bin ich doch derselbe Mensch mit seinen Veranlagungen. Man muss sich aber auch selbst erst kennen lernen, bestimmte Umstände erst erleben und lernen, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Entsprechend wird man die eigenen Gefühle auf der Skala weniger drastisch bewerten. Hinzu kommt, dass der Mensch noch andere Eigenschaften hat als HSP zu sein. Wenn ich eine cholerische Veranlagung geerbt habe, dann bin ich vielleicht nicht so harmoniesüchtig und habe durch Anschauung und Nachahmung gelernt, auf den Tisch zu hauen oder gemerkt, dass lautes Fluchen ein tolles Ventil ist. Wenn ich nie gelernt habe, zwei Noten auseinander zu halten und in einer unmusikalischen Umgebung aufgewachsen bin … Darf ich deswegen nicht hochsensibel sein?
    Meine Hochsensibilität wurde schon vor Jahrzehnten als „Hypersensibilität des vegetativen Nervensystems“ diagnostiziert – da gab es noch keine Veröffentlichung von Elaine Aaron – und kürzlich erst wurden die Nerven meiner Beine getestet und der Arzte konnte es von seinem „Seismographen“ ablesen: Ich BIN hochsensibel.

    1. Eben weil es sehr unterschiedliche konkrete Bewältigungsstrategien gibt, macht es keinen Sinn, einzelne Lebenserfahrungen konkret zu erheben, weil diese dann keine allgemeine Aussage erlauben. Deshalb hat der Test ein höheres Abstraktionsniveau gewählt, welches es ermöglicht, hochsensible Menschen mit den unterschiedlichsten speizifschen Erfahrungen und situationalen Bewältigungsstrategien als solche zu erkennen.

  4. Der Test hat noch einen Schwachpunkt: Er ist nicht objektiv. Erstens wird man geneigt sein, gesellschaftlich korrekte Antworten zu geben und sich nicht selbst zu beleidigen. Wer wird schon anklicken: „Ja, ich mag gewalttätige Auseinandersetzungen?“! Das andere ist die Vergleichbarkeit und der innere Wunsch nach Besonderheit. Wie kann ich einschätzen, ob ich schmerzempfindlicher bin als andere? Wie tief ist mein emotionales Erleben? Na, sicher werden da 85% der Menschheit anklicken: „Ich bin ein tumber Neanderthalter“. Klar, dass die Leute ihre Besonderheit besonders herausstreichen. Bei aller Weinerlichkeit ist auch etwas Stolz dabei und das ist richtig! Ohne HSPs gäbe es wahrscheinlich keine Kunst und Kultur, es ist eine Gabe. Dumm wer da rät, besser keine Familie zu gründen und keine Kinder zu bekommen. Hochsensible gibt es in allen Säugetiergemeinschaften. Die Mischung der Gruppe hat sich als evolutiunär vorteilhaft erwiesen. Vielleicht sind die Hochsensiblen die Zukunft – nur in die gegenwärtige Konsum- und Industriegesellschaft passen sie schlecht rein.

    1. Nein die Antworten zu den einzelnen Fragen weisen große Variation auf, vor allem wenn dezidiert Menschen einbezogen werden, die sagen, dass sie nicht hochsensibel seien. Fragebögen haben sich als sehr hilfreich erwiesen und weisen oft höhere Korrelationen z.B. zu zukünftigem Verhaten auf als andere Methoden. Der Test soll niemanden überführen, sondern ist für diejenigen gedacht, die ihn aufrichtig beantworten, weil sie gerne wissen möchten, wie ihr Ergebnis ist.

  5. Worin unterscheiden sich hochsensible von teilweise hochsensiblen Menschen konkret? In meinem Fall ist es so, dass ich mich immer als (zu) sensibel/verletzlich gefühlt habe und ich mich insbesondere von Stimmungen anderer Menschen stark beeinflusst gefühlt habe. Hiervon muss ich mich bewusst abgrenzen. Andere haben über mich gesagt, ich sei zart besaitet. Alle Persönlichkeitsmerkmale, die wohl mit Hochsensibilität in Zusammenhang stehen, Offenheit, soziale verträglichkeit, introversion, liegen bei mir sehr ausgeprägt vor. Ebenso Empathie.
    Zweifel habe ich aber bei der Wahrnehmung von äußeren Reizen wie Geruch und Geschmack (sensivität?). Hier kann ich einfach nicht beurteilen, ob es besonders ausgeprägt ist. Andere riechen etwas genauso „schnell“ oder schneller wie ich. Das macht es mir auch schwer, entsprechende Testfragen eindeutig zu beantworten.
    Was bedeutet das in Bezug auf das Vorliegen von Hochsensibilität? Kann man sehr sensible und hochsensible Menschen überhaupt voneinander unterscheiden? Kann es evtl. sogar vorkommen, dass hochsensible Menschen im landläufigen Sinne unsensibel sind (wenn es sich hier um ein gänzlich anderes Phänomen handelt)?
    Oder muss man sich gar nicht so dezidierte Gedanken machen und darf sich als hochsensibel verstehen, wenn es einem hilft und man sich durch das Konzept beschrieben und verstanden fühlt?

    1. Es ist einfach nur ein Unterschied in der Stärke der Gesamtsensitivtät und es könnte in der Tat auf Einzelfaktoren, z.B. Wahrnehmungssensitvität, zurückzuführen sein. Genau dafür ist jetzt auch der Hochsensibilitäts-Struktur-Test (HSST) verfügbar. Hier können Menschen mit hochsensiblen Verarbeitungswqeisen feststellen, wie stark diese im Vergleich zu anderen Hochsensiblen ausgeprägt sind, in den folgenden Dimensionen: (1) Einfühlung und Empathie, (2) Wahrnehmungs-Sensitivität, (3) Gedankliche Komplexität, (4) Positive Gefühlssensitivität, (5) Selbstreflexion und Selbsterleben, (6) Moralische Sensitivität und (7) Belastung und Überforderung. Durchschnittliche Werte sind dabei bereits Indikator für hochsensible Verarbeitungsweisen, weil die zugrundeliegende Referenzstichprobe aus Hochsensiblen besteht.

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