Positive Gefühle aktivieren

Immer wieder fällt mir auf, dass bei Diskussionen über Hochsensibilität fast immer über negative Gefühle gesprochen wird:

  • Überforderung, Ängste, Niedergeschlagenheit, Reizbarkeit.

Manchmal scheint es, als ob Hochsensibilitaet wirklich nichts anderes sei, als der seit Langem in der Persönlichkeitspsychologie bekannte und etablierte Faktor Neurotizismus – also eine besondere emotionale Empfindlichkeit.

Meine eigenen Daten-Auswertungen mit dem Hochsensibilitäts-Test (HSP-Test) und dem neuen Hochsensibilitäts-Struktur-Test (HSST) zeigen jedoch, dass diese Perspektive völlig falsch ist:

  • die Angaben von 2439 Testteilnehmern belegen, dass eine besondere Empfänglichkeit für positive Gefühle ebenfalls eine wichtige Komponente der Hochsensibilität ist.

Es geht also bei Hochsensibilität keineswegs nur um Schmerzen und Leid, es geht – mindestens ebenso – um Erleben von Freude und Glück.

Tatsächlich korreliert in den Angaben der 2439 Testteilnehmer die Komponente Sensitivität für positive Gefühle aus dem HSST-Test stärker mit dem Gesamtwert Hochsensibilität aus dem HSP-Test als die Komponente Überforderung.

Für eine vorwiegende Assoziation von Hochsensibilitaet mit negativen Gefühlen gibt es demnach keine Berechtigung.

Potenziale der Hochsensibilität

Hochsensibilität beinhaltet das Potenzial, positive Gefühle besonders intensiv erleben und Freude auch aus den scheinbaren Kleinigkeiten des Alltags schöpfen zu können.

Umgekehrt werden aber auch negative Gefühle, wie Ängste, Traurigkeit, Gereiztheit, Überlastung besonders intensiv wahrgenommen. Daraus entsteht das Risiko oder die Gefahr, sich in negativen Gefühlen zu verlieren, was von Hochsensiblen häufiger beschrieben wird als von nicht hochsensiblen Personen.

Für Hochsensible sollte es also darum gehen, die positiven Potenziale der Hochsensibilität zu maximieren und die eher negativen Potenziale zu begrenzen. Die Komponente Sensitivität für positive Gefühle zeigt uns, wie dies gehen kann:

  • richten wir unsere Aufmerksamkeiten nicht nur auf das, was uns bedrückt oder belastet, sondern auf das, was uns erfreut.
  • denken wir nicht nur darüber nach, was uns stört, sondern richten wir jeden Tag den Fokus auf das, was uns freuen kann.

Die Angaben der Testeilnehmenden geben noch weitere Auskünfte, wie dies erreicht werden kann. Eine Rolle spielt hier die Natur:

Die Datenauswertung lässt eine besondere Nähe von Hochsensibilitaet zu Naturerleben erkennen. Der Satz „der Aufenthalt in der Natur gibt mir Kraft“ wird umso stärker bejaht, je höher der Gesamtpunkte werden im HSP-Test ist. Die Korrelation zur Sensitivität für positive Gefühle im HSST-Test fällt aber sogar noch höher aus.

  • der bewusste und achtsamer Aufenthalt in der Natur ist eine wirksame Möglichkeit, positive Gefühle und damit das positive Potenzial von Hochsensibilitaet im Alltag zu aktivieren. Gleichzeitig kann dies helfen, um mit den ebenfalls intensiver wahrgenommenen negativen Gefühlen besser umgehen zu können und so ihnen durch regelmäßigen Ausgleich ihren belastenden Charakter zu nehmen.

Ich denke, es ist an der Zeit damit aufhören, Hochsensibilitaet mehr oder weniger explizit mit Leid und Unzufriedenheit gleichzusetzen. Sensitivität für positive Gefühle ist eine wichtige Komponente der Hochsensibilitaet, die es verdient, stärker in den Fokus gerückt zu werden.

About Author:

Guido F. Gebauer, studierte Psychologie an den Universitäten, Trier, Humboldt Universität zu Berlin und Cambridge (Großbritannien). Promotion an der University of Cambridge zu den Zusammenhängen zwischen unbewusstem Lernen und Intelligenz. Im Anschluss rechtspsychologische Ausbildung, Tätigkeit in der forensischen Psychiatrie und 10-jährige Tätigkeit als Gerichtsgutachter. Gründung der psychologischen Kennenlern-Plattform www.Gleichklang.de 2006. Lebt und arbeitet in Kambodscha. Schreibt für Hochsensible.eu und vegan.eu.

9 thoughts on “Positive Gefühle aktivieren

  1. Ich möchte das unbedingt unterstreichen. Ich war auf der Demonstration in Berlin am 13.10. 240.000 Menschen die sich für eine freie, offene und solidarische Gemeinschaft eingesetzt haben. Das war ein wunderbares Gefühl. Die Zivilgesellschaft gab ein großes Zeichen und ich war ein Teil davon!Tränen konnte ich nicht vermeiden und wollte das auch nicht.

  2. Geht es bei Hochsensibilität nicht allgemein um die feinere Wahrnehmung aller Eindrücke und das dadurch das emotionale System bisweilen überlastet und überreizt ist, sowohl in positiver als auch negativer Hinsicht?

    1. Kein Wunder, ich muss sagen, das ich in meinem Beruf als Fachkrankenpfleger aufgehe. Das war schon immer genau das Richtige für mich. Da gibt es kein Wenn und Aber! Trotzdem setze ich Grenzen, ich opfere mich nicht auf! Das wäre völlig kontraproduktiv.

    2. Zumindest bei mir kommt das schon vor, ich muss dann Einschnitte vornehmen. Manchmal ist weniger mehr, auch wenn man dabei negative Konsequenzen überwinden muss.

      1. Lieber Rüdiger, meiner Auffassung nach, kommt es aber auch genau darauf an, sich solange es möglich ist gegen Unrechtes / Falsches / Unvorteilhaftes etc. Verhalten oder Gegebenheiten auszusprechen, nicht einfach damit abzufinden und bis „zum bitteren Ende“ (gibt auch happy end`s…^^) für deren Verbesserung zu arbeiten /zu wirken…es soll gar nicht so „belehrungsmäßig“ rüberkommen und mir ist auch bewusst, dass es gerade im Gebiet der Altenpflege krasseste Unterschiede /Probleme der Gesamtumsetzung im Bezug auf Verhältnis der Kosten, zu den dafür tatsächlich aufgewendeten Mitteln gibt und die Reichweite der Eigeninitiativen /Einstellungen und dessen Nacheiffern (gewinnorientierte Geschäftspolitiken, vorherrschende Systeme, etc.) nur in relativ stark begrenztem Maße möglich ist, doch dafür zu kämpfen sollte man niemals aufgeben, oder sich mit Halbwahrheiten abgeben…Und genau auf diese jene Mitmenschen kommt es letztendlich an, sie halten die „Quote des Guten“ oben könnte man glaube ich sagen, ansonsten Respekt und weiter so, alles wird am Ende gut, er macht sich schon noch bezahlt, Dein Mut! LG Jan

  3. Grüß Dich Jan!

    Im Prinzip hast Du wohl Recht. Keine Frage! Aber gerade wenn man mit Vorgesetzten und Kollegen spricht, muss auf die eigene Gesundheit auch geachtet werden. Und das gefällt oft Vorgesetzten bzw. Kollegen nicht, wo man doch ständig verfügbar sein soll. Natürlich muss für das Recht und das Gute gekämpft werden. Aber ich allein kann die Welt nicht retten und selbst die Gewerkschaft ist auch nicht der Heilsbringer. Ich sehe es wenn Kollegen Dinge tun müssen, die gegen die Pflegeethik verstoßen. Und da wird es schwierig für das Gute und Richtige zu kämpfen wenn man dafür ständig in den Klinsch mit Vorgesetzten gehen muss. Da sieht man zu Dienst nach Vorschrift zu machen. Das macht böses Blut und stört erheblich das Betriebsklima. Und gut fühlt man sich dabei auch nicht, keineswegs! Ich überlege mir also ganz genau, wann ich wirklich stringend etwas kritisiere und auf Änderung poche. Ein guter Vorgesetzter sollte da eingreifen, aber die sind auch oft pädagogisch ungeschult und scheitern ebenso am System.
    Und da hilft nur eins, man verlässt den Betrieb (Krankenhaus) und macht sich selbständig. Ich kann sagen, das ich das erfolgreich bewältigt habe und kann mein Leben anders gestalten und umsetzen, was ich anderswo beklagte. Aber es hat mich viel Kraft gekostet und die Überwindung von massiven Ängsten vor dem Scheitern. Trotzdem fühle ich mich freier für die Belange der Schwestern und Pfleger einzusetzen soweit es meine Mittel zulassen.

    Herzlichen Gruß
    Rüdiger

    1. Ja wie Recht Du hast, Du hast Dir in meinen Augen eine Vorbildfunktion „erkämpft“, weil Du es geschafft hast allen Risiken, Gegenargumente, Schwierigkeiten, etc. zum Trotz einen Weg gefunden, in diesem System irgendwie zurecht zu kommen ohne Dich selbst verraten zu müssen oder Deine Werte aufzugeben…Weiter so, ich wünsche alles Gute und verbleibe mit lieben Grüßen!

      Jan

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