Gesamt-Sensitivität, Profile und emotionale Stabilität

Der Hochsensibilitäts-Struktur-Test (HSST-Test) erfasst nunmehr neben den sieben Komponenten der Hochsensibilität Einfühlung und Empathie, Wahrnehmung-Sensitivität, gedankliche Komplexität, positive Gefühlssensitivität, Selbstreflexion und Selbsterleben, moralische Sensitivität und Belastung & Überforderung auch die übergeordnete Grund-Dimensionen der Gesamt-Sensitivität. Gesamt-Sensitivität im HSST-Test entspricht also der Hochsensibilität an sich, wie sie auch über den Hochsensibilitäts-Test (HSP-Test) gemessen wird.

Der zusätzliche Einschluss der Gesamt-Sensitivität soll die Interpretation der Ergebnisse weiter erleichtern, insbesondere im Hinblick auf folgende sechs Möglichkeiten:

  • sensitive Verarbeitungsweisen in Einzel-Komponenten sind in eine auch insgesamt gegebene, also generalisierte Hochsensibilität eingebettet
  •  sensitive Verarbeitungsweisen in Einzel-Komponenten gehen mit einer lediglich tendenziellen Gesamt-Hochsensibilität einher
  •  sensitive Verarbeitungsweisen in Einzel-Komponenten sind hochspezifisch für die entsprechenden Bereiche, es liegt jedoch keine generalisierte Gesamt-Sensitivität vor
  •  es liegt eine generalisierte Hochsensibilität vor, wobei aber auch Einzelkomponenten vorlegen, wo keine sensitiven Verarbeitungsweisen bestehen
  •  Hochsensibilität geht mit erheblichen innerpsychischen Belastungen einher
  •  Hochsensibilität ist in eine robuste psychische Struktur eingebettet

Anleitung zur Interpretation

Hochsensibilität als generalisierte sensitive Verarbeitungweise liegt vor, wenn die Gesamt-Sensitivität im HSST-Test im Vergleich zur hochsensiblen Stichprobe (rote Linie) durchschnittlichen oder überdurchschnittlichen Bereich und im Vergleich zur nicht-hochsensiblen Stichprobe (blaue Linie) im klar überdurchschnittlichen Bereich liegt.

Tendenzielle Hochsensibilität besteht, wenn die Gesamt-Sensitivität im Vergleich zur hochsensiblen Stichprobe (rote Linie) im knapp unterdurchschnittlichen Bereich, aber im Vergleich zur Nicht-hochsensiblen Stichprobe (blaue Linie) im überdurchschnittlichen Bereich liegt. Inhaltlich bedeutet dies, dass generalisierte hochsensible Verarbeitungsweisen stärker vorhanden sind als bei nicht-hochsensiblen Personen, aber die Schwelle für das Vorliegen von Hochsensibilität dennoch verfehlen.

Auch wenn keine Hochsensibilität vorliegt (unterdurchschnittliche Ausprägung von Gesamt-Sensitivität im Vergleich zur roten Linie) können Einzel-Komponenten im HSST-Test dennoch den Werten von hochsensiblen Personen entsprechen. Dies bedeutet, dass in diesen Bereichen tatsächlich kein Unterschied zu hochsensiblen Personen vorliegt. Menschen können also beispielsweise hochgradig empathisch sein, auch wenn Hochsensibilität insgesamt nicht gegeben ist.

Personen können hochsensibel sein (durchschnittliche Ausprägung oder überdurchschnittliche Ausprägung von Gesamt-Sensitivität im Vergleich zur roten Linie), auch wenn in Einzel-Komponenten keine hochsensitiven Verarbeitungsweisen vorliegen (unterdurchschnittliche Ausprägung im Vergleich zur roten Linie). Dies bedeutet, dass zwar generalisierte hochsensible Verarbeitungsweisen vorliegen, selektiv diese jedoch nicht zum Ausdruck kommen oder auch nicht bestehen:

So mögen hochsensible Personen dennoch keine erhöhten Tendenzen zu Selbsterfahrung/Selbsterleben aufweisen, trotz ihrer Hochsensibilität keine ausgeprägte Empathie zeigen oder auch keine erhöhte Sensitivität für positive Gefühle aufweisen. Es können sich hier sehr individuelle Muster ergeben.

Hochsensibilität kann mit erheblichen innerpsychischen Belastungen einhergehen. Erkennbar ist dies insbesondere dann, wenn ein vorhandene Gesamt-Sensitivität mit überdurchschnittlichen Ausprägungen in der Komponente Belastung & Überforderung im Vergleich hochsensiblen Personen (rote Linie) einhergehen. Ist dies der Fall, liegt eine hochgradige Labilität und ein deutliches Leiden vor. Stressbewältigung-Fertigkeiten sind defizitär. Auch so ein Befund ist die unmittelbare Notwendigkeit zum Erlernen von Bewältigungsfertigkeiten erkennbar, um besser mit Stress, Problemen, Konflikten und Belastungen umgehen zu können.

Hochsensibilität ist in eine besonders robuste psychische Struktur eingebettet, wenn eine vorhandene Gesamt-Sensitivität mit unterdurchschnittlichen Werten in der Komponente Belastung & Überforderung sowie mit durchschnittlichen oder sogar unterdurchschnittlichen Werten in dieser Komponente im Vergleich zu Nicht-hochsensiblen Personen (blaue Linie) einhergeht. In diesem Fall ist die Hochsensibilität sehr gut integriert und eindeutig als personale Ressource zu bewerten.

Erhöhung von Stabilität und Lebenszufriedenheit

Folgende Strategien eignen sich, um Stabilität und Lebenszufriedenheit zu verbessern:

  • Training von Problemlöse- und Stressbewältigungsfertigkeiten, Erlernen von Selbstbehauptungs- und Konfliktfertigkeiten, Erwerb von Fertigkeiten zur Annahme, Akzeptanz, Bewältigung und Regulation von Gefühlen. Wegen tief greifende Defizite in diesen Bereichen vor, eine Verhaltenstherapie hier sehr effektiv. Reine Vermeidung belastender Situation ist demgegenüber wenig hilfreich, da dadurch ein Umgang mit diesen Situationen nicht erlernt werden kann. Treten Sie künftig wieder auf, resultiert erneut Hilflosigkeit, Stresserleben und Überforderung.
  • Herstellung positiver Sinneswahrnehmung. Die erhöhte Sensitivität für positive Gefühle ist eine wichtigere Sauce, die die Lebenszufriedenheit und die emotionale Stabilität verbessern kann. Es ist möglich, die Aufmerksamkeit selektiv auf positive Gefühle zu lenken, indem wir bewusst auf positive Dinge in unserer Umgebung achten, unsere Aufmerksamkeit auf sie fokussieren und sie so zu einem wichtigen Teil unseres Alltages machen. Hierzu beitragen können Genussübungen. Musik- und Kunsterlebven, Aufenthalte in der Natur.
  • Selbsterfahrung und Selbsterleben fördern die Zufriedenheit und Stabilität von hochsensiblen Menschen. Meditative Praktiken, Yoga, Besuch von Selbsterfahrung-Kursen mit Gleichgesinnten helfen, wichtige Ressourcen für sich selbst aufzubauen und so letztlich zufriedener und stabiler den Alltag bewältigen und so in der nicht-hochsensiblen Welt gelassener, effektiver und glücklicher bestehen zu können.

About Author:

Guido F. Gebauer, studierte Psychologie an den Universitäten, Trier, Humboldt Universität zu Berlin und Cambridge (Großbritannien). Promotion an der University of Cambridge zu den Zusammenhängen zwischen unbewusstem Lernen und Intelligenz. Im Anschluss rechtspsychologische Ausbildung, Tätigkeit in der forensischen Psychiatrie und 10-jährige Tätigkeit als Gerichtsgutachter. Gründung der psychologischen Kennenlern-Plattform www.Gleichklang.de 2006. Lebt und arbeitet in Kambodscha. Schreibt für Hochsensible.eu und vegan.eu.

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