Hochsensible sexuelle Erlebnisweisen

Soeben konnten wir auf Gleichklang-studien.de den neuen Sexualitäts-Erlebens-Test (SET) Online stellen. Der Test erfasst 11 individuelle Dimensionen des sexuellen Erlebens und Verhaltens. Die Testauswertung beruht gegenwärtig auf den Angaben von 1059 Teilnehmenden, ungefähr gleich vielen Männern wie Frauen und einer geringen Anzahl an Menschen mit anderem Geschlecht.

Umfangreiche statistische Auswertungen des Tests werden noch im Gleichklang-Blog zur Verfügung gestellt werden. Im Gleichklang-Blog geht auch bereits jetzt ein Artikel auf die Interpretation der Testergebnisse sowie auf die Bezüge zu Partnersuche und Partnerglück ausführlich ein.

Der Artikel hier auf hochsensible.eu widmet sich demgegenüber vorwiegend der Fragestellung, welche Unterschiede zwischen hochsensiblen und nicht-hochsensiblen Menschen in ihrem sexuellen Erleben bestehen?

Um dies untersuchen zu können, wurden nicht nur zahlreiche Fragen zur Sexualität gestellt, sondern es wurde ebenfalls der Hochsensibilitäts-Test (HSP-Test) gleichzeitig vorgegeben. So war es möglich, diejenigen miteinander zu vergleichen, die im HSP entweder den Cut-Off-Wert zur eindeutigen Feststellung von Hochsensibilitaet überschritten (>54) oder aber eindeutig unterschritten (< 48).

Sexualitäts-Erlebens-Test (SET)

Dies sind die elf Grunddimensionen, die über den Sexualität-Erlebens-Test erfasst werden:

  • Sexuelle Zufriedenheit. Wie hoch ist die aktuelle sexuelle Zufriedenheit?
  • Sexuelle Experimentierfreude. Wie sehr steht bei der Sexualität im Vordergrund, etwas Neues erleben zu wollen (neue Orte, neue Praktiken)?
  • Sexueller Liebesbezug. Wie stark ist Sexualität in intime zwischenmenschliche Begegnungen und Liebe eingebunden?
  • Sexuelle Selbsterfahrung. Wie stark wird Sexualität als verbunden mit Selbsterfahrung, Persönlichkeits-Entwicklung und Spiritualität erlebt?
  • Sexuelle Hemmungen. Bestehen sexuelle Ängste, Hemmungen, Schamgefühle oder Blockaden?
  • Sexuelle Probleme. Liegen sexuelle Funktionsstörungen vor, wie Probleme mit dem Orgasmus, Beeinträchtigungen des sexuellen Erlebens, Erektionsschwierigkeiten, Schmerzen oder Verspannungen bei der Sexualität?
  • Instrumentelle Sexualität. Wird Sexualität für andere Zwecke eingesetzt, wie, um Menschen kennenzulernen, Verlustängste zu mindern, Konflikten aus dem Weg zu gehen oder auch andere Vorteile zu erreichen?
  • Sexuelle Fluidität. Wie beweglich ist die sexuelle Orientierung im Lebenslauf? Wie stark ist die sexuelle Orientierung auf nur ein Geschlecht festgelegt oder wie sehr werden Geschlechtergrenzen überwunden?
  • Suchthaftes sexuelles Erleben. Ist Sexualität bereits mit innerem Zwang und Sucht verbunden?
  • Asexuelles Erleben. Besteht überhaupt kein sexuelles Interesse oder kein sexuelles Verlangen?
  • BDSM. Liegen Neigungen zu spielerischen Formen von Dominanz und Unterwerfung bei der Sexualität vor?

Die Auswertung erfolgt in einer einfach verständlichen Grafik.

Wie unterscheiden sich hochsensible und nicht hochsensible Menschen?

Hochsensible und nicht hochsensible Menschen unterscheiden sich statistisch signifikant in drei der elf Grunddimensionen, während in acht Grunddimensionen kein Mittelwertunterschied zwischen den Angaben von hochsensiblen und nicht hochsensiblen Personen vorliegt.

Dies sind die drei sich unterscheidenden Dimensionen:

  • Hochsensible weisen eine deutlich höhere Ausprägung auf dem Faktor sexuelle Selbsterfahrung auf. Für Hochsensible ist Sexualität stärker etwas tiefer greifendes als reine sexuelle Erregung oder Befriedigung. Hochsensible binden Sexualität mehr als nicht hochsensible Menschen in Aspekte von Selbsterfahrung, Persönlichkeits-Entwicklung und Spiritualität ein. Dieser Befund überrascht nicht, da Hochsensible sich auch allgemein deutlich stärker mit Psychologie, Selbsterfahrung und Spiritualität auseinandersetzen. Dies generalisiert auch auf den Bereich der Sexualität.
  • Hochsensible weisen einen stärkeren Liebesbezug in ihrer Sexualität auf. Für Hochsensible ist Sexualität stärker in innere und tief greifende zwischenmenschliche Begegnungen mit wechselseitiger Emotionalität eingebunden. Hochsensible sind also weniger an unverbindlichen, anonymen, mit wenig Intimität und Bindung einhergehenden sexuellen Kontakten interessiert. Auch dieser Befund ist nicht überraschend.
  • Hochsensible zeigen eine erhöhte Fluidität ihrer sexuellen Orientierung. Hochsensible schildern häufiger, dass ihre sexuelle Orientierung sich im Lebenslauf ausgeweitet habe und auch Geschlechtergrenzen überschreiten könne. Dies ergibt sich vermutlich aus der höheren Selbstreflexion und der höheren Offenheit für neue Erfahrungen von Hochsensiblen.

Demgegenüber treten keine Mittelwertunterschiede in den Dimensionen sexuelle Zufriedenheit, sexuelle Experimentierfreude, sexuelle Hemmungen, sexuelle Problemen, instrumentelle Sexualität, suchthaftes sexuelles Erleben, asexuelles Erleben und BDSM auf.

Es gibt insofern auch bei Hochsensiblen zahlreiche weitere Faktoren außerhalb ihrer Hochsensibilität, die zu ihrem sexuellen Erleben und Verhalten beitragen. Hochsensibilität ist also nicht alles.

Grundsätzlich liegen bei Hochsensiblen die gleichen Dimensionen des sexuellen Erlebens vor wie bei nicht hochsensiblen Menschen. Bei Hochsensiblen sind aber einige Dimensionen des sexuellen Erlebens im Durchschnitt stärker ausgeprägt als bei nicht hochsensiblen Menschen. Diese Unterschiede entsprechen der stärkeren Auseinandersetzung hochsensibler Menschen mit sich selbst, dem stärkeren Streben nach zwischenmenschlicher Innigkeit und vertiefter wechselseitiger Emotionalität sowie auch der häufigeren Selbstreflexion und höheren Offenheit für neue Erfahrungen.

Was bedeuten die Dimensionen sexuellen Erlebens für Partnersuche und Partnerschafts-Passung?

Auf diese Aspekte geht der Artikel im gleichen Gleichklang-Blog bereits ein, sodass hier nur eine kurze Charakterisierung erfolgt:

Sexuelle Hemmungen oder sexuelle Probleme können überwunden werden. Es ist hier keine gleichgerichtete Merkmalsausprägung für Partner notwendig, erforderlich ist vielmehr Verständnis und Akzeptanz.

Wichtig ist demgegenüber eine ähnliche Merkmalsausprägung für die Partnerschaft-Zufriedenheit insbesondere in den Dimensionen sexueller Liebesbezug, sexuelle Selbsterfahrung, asexuelles Erleben und BDSM:

  • Liegen grundlegende Diskrepanzen im sexuellen Liebesbezug vor, sind Unzufriedenheit und auch emotionale Erschütterungen mit erhöhter Wahrscheinlichkeit zu erwarten. Denn wenn ein Beziehung-Partner seine Sexualität in Liebe einbettet, der andere sich aber für unverbindliche Sexualität interessiert, ist Disharmonie vorprogrammiert. Eine gute Übereinstimmung in dieser Grunddimensionen fördert daher das Partnerglück.
  • Auch bei der sexuellen Selbsterfahrung ist eine hohe Übereinstimmung für die Partnerschaft-Zufriedenheit hilfreich. Wenn beispielsweise beide Beziehungs-Partner Sexualität als Selbsterfahrung erleben, sind viele positive gemeinsame Erfahrungen miteinander möglich.
  • Typischerweise liegen sexuelle Interessen vor. Wenn aber sexuelle Interessen fehlen und kein sexuelles Verlangen besteht, kann dies eine Partnerschaft erschweren. Ist dies jedoch bei beiden Seiten der Fall, besteht kein Problem und eine Beziehung ohne sexuellen Druck kann aufgebaut und glücklich werden.
  • Spielerische Interessen an Dominanz und Unterwerfung können zur großen Irritation für Beziehungs-Partner werden, wenn diese Neigung nicht geteilt wird. Oftmals werden BDSM-Neigungen selbst in langjährigen partnerschaftlichen Beziehungen verschwiegen und nicht selten anderswo ausgelebt. Dies reduziert das Vertrauen und die Intimität. Entsprechend ist es für alle Seiten hilfreich, wenn eine Übereinstimmung im Fehlen oder im Vorhandensein von BDSM-Neigungen besteht.

Sollte ich etwas ändern?

Sexuelles Erleben und Verhalten ist individuell und es gibt natürlich keine normative Verpflichtung, irgendetwas zu verändern. Trotzdem können die Ergebnisse im SET Anlass geben, über mögliche Veränderungen zu reflektieren, nämlich dann, wenn sich eine Beeinträchtigung von sexueller oder allgemeiner Lebenszufriedenheit ergibt.

  • Sexuelle Hemmungen und sexuelle Probleme können zu Blockaden und zu Unzufriedenheit führen. Sexuelle Hemmungen und sexuelle Probleme können die sexuelle und allgemeine Zufriedenheit vermindern, können zudem die sexuelle Experimentierfreude vermindern, obwohl diese eigentlich durchaus vorhanden ist. Sie lassen sich heute gut psychotherapeutisch behandeln. Bei Erektionsstörungen gibt es ebenfalls hoch effektive medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten. Wenn Sie also ausgeprägte sexuelle Hemmungen oder sexuelle Probleme haben, ist es durchaus hilfreich, über Veränderungsmöglichkeiten nachzudenken.
  • Suchthafte Sexualität kann den Alltag überlagern und zu einer Vereinseitigung führen. Dadurch kann auch die Beziehungsfähigkeit beeinträchtigt werden. Suchthafte Sexualität lässt sich durch die Etablierung anderer Lebensziele, tragfähige sozialer Kontakte und die Reduktion suchthaften sexuellen Konsums im Rahmen einer besseren Selbststeuerung begegnen. Psychotherapeutische Behandlungsmaßnahmen können wirksam sein. Wenn Sie also eine sehr hohe Ausprägung in sexuellem Suchtverhalten haben und hierunter leiden, kann es an der Zeit sein, etwas zu verändern.
  • Asexuelles Erleben ist keineswegs Ausdruck einer psychischen Störung und auch nicht behandlungsbedürftig. Bei echter Asexualität geht es nicht darum, diese unbedingt verändern zu wollen. Es geht um Akzeptanz und Integration in den eigenen Alltag und die eigenen Beziehungen. Hierzu gehört auch ein ausreichendes Selbstbewusstsein. Allerdings kann asexuelles Erleben auch nur scheinbar sein als sekundäre Folge von Hemmungen oder sexuellen Problemen. In diesen Fall wird die Bearbeitung der Hemmungen und Probleme auch zur Abnahme des asexuellen Erlebens führen. Weiteren Aufschluss hierüber geben kann übrigens unser Test „Bin ich asexuell?“.
  • Instrumentelle Sexualität setzt Sexualität für andere Ziele ein, zum Beispiel zum Aufbau von sozialen Kontakten (Überwindung von Einsamkeit), Abbau von Verlustängsten, zur Vermeidung von Konflikten oder auch für andere, sogar für materielle Vorteile. Es geht hier nicht um eine moralisch-normative Bewertung. Es gibt Menschen, die Sexualität bewusst international einsetzen und damit auch zufrieden sind. Es kann aber ebenso sein, dass der instrumentelle Einsatz von Sexualität auf Defizite verweist, zum Beispiel auf Defizite in den Konfliktfertigkeiten, auf Schwierigkeiten der Selbstbehauptung oder Probleme mit dem Alleinsein. In diesem Fall könnte eine erhöhte Ausprägung instrumenteller Sexualität für Sie Anlass sein, etwas ändern zu wollen.
  • Studien zeigen, dass BDSM-Neigungen nicht mit psychischen Störungen oder kritischen Persönlichkeit-Merkmalen einhergehen, auch nicht mit einer erhöhten Gewaltneigung oder mangelnder Empathie. Nur wenn diese Neigungen so weit gehen, dass Sie bereit wären, ernsthafte körperliche Schäden in Kauf zu nehmen, ist der Punkt erreicht, wo eine Veränderung sinnvoll ist und Behandlungsmaßnahmen in Anspruch genommen werden können. Dabei würde es darum gehen, die BDSM-Neigung in einen selbstfürsorglichen sexuellen Umgang zu integrieren.

Resümee

Deutlich wird, dass Sexualität ein komplexes innerpsychischen Geschehen ist, welches mit verschiedensten individuellen Erlebnisweisen verbunden sein kann. Mithilfe des SET lassen sich 11 bedeutsame Grunddimensionen des sexuellen Erlebens und Verhaltens nunmehr individuell erkennen und beurteilen. Dies kann wiederum Anlass für Selbstreflexion und Veränderungen sein.

Bei der Partnersuche ist es wichtig, auf eine Passung von grundlegenden sexuellen Erlebnisweisen zu achten, um übermäßige Diskrepanzen und daraus resultierende Erschütterungen, Unzufriedenheit und Konflikte bereits im Vorfeld vermeiden zu können. Wer sich für die Partnersuche bei Gleichklang entscheidet, stellt dies automatisch sicher, da die entsprechenden Aspekte im Matching-Algorithmus von Gleichklang berücksichtigt werden.

Lernen Hochsensible andere hochsensible Partner kennen sind die Aussichten von vornherein erhöht, dass insbesondere in den zwei Grunddimensionen sexueller Liebesbezug und sexuelle Selbsterfahrung eine gute Grundübereinstimmung besteht, wobei hochsensible aber auch ähnlichere Ausprägungen in dem Faktor der sexuellen Fluidität aufweisen.

Veränderungen anzugehen, steht immer dann an, wenn die Ausprägung in einer Grunddimension zu einer für Sie spürbaren Reduktion ihrer Lebenszufriedenheit führt.

Was aber tun, wenn eine Beziehung bereits besteht und grundlegende Diskrepanzen vorliegen? Hiermit wird sich demnächst ein weiterer Artikel auf hochsensible.eu beschäftigen.

About Author:

Guido F. Gebauer, studierte Psychologie an den Universitäten, Trier, Humboldt Universität zu Berlin und Cambridge (Großbritannien). Promotion an der University of Cambridge zu den Zusammenhängen zwischen unbewusstem Lernen und Intelligenz. Im Anschluss rechtspsychologische Ausbildung, Tätigkeit in der forensischen Psychiatrie und 10-jährige Tätigkeit als Gerichtsgutachter. Gründung der psychologischen Kennenlern-Plattform www.Gleichklang.de 2006. Lebt und arbeitet in Kambodscha. Schreibt für Hochsensible.eu und vegan.eu.