Kenntnis der eigenen Hochsensibilität hilft

Eine kürzlich veröffentlichte psychologische Studie hat die Zusammenhänge zwischen Hochsensibilität (HSP), Stress und Burnout bei Lehrern untersucht.

Es ergaben sich sehr interessante Befunde, die gleichzeitig allen Hochsensiblen helfen können, mit ihrer Hochsensibilität besser umzugehen:

  • Stress (insbesondere mit Kollegen, Schulstrukturen, Anforderungen) erhöhte die Häufigkeit von Burnout
  • hochsensible Lehrer wiesen deutlich mehr Stress auf als nicht hochsensible Lehrer
  • hochsensible Lehrer berichteten häufiger über ein Burnout als nicht hochsensible Lehrer
  • bei gleicher Stressbelastung litten hochsensible Lehrer nicht häufiger an Burnout als nicht hochsensible Lehrer

Mit anderen Worten:

  • Stress führt zu Burnout.
  • Hochsensibilität an sich führt nicht direkt zu Burnout, kann aber mit erhöhter Stressbelastung einhergehen.
  • nur wenn Hochsensibilität mit solcher erhöhter Stressbelastung tatsächlich einhergeht, steigt das Risiko eines Burnouts.

Wie können Hochsensible ihre Stressbelastung reduzieren?

Hierzu ergab sich ebenfalls ein hochinteressantes Ergebnis:

  • bei hochsensiblen Lehrern, denen ihre Hochsensibilität als Erklärung zurückgemeldet wurde, sank der erlebte emotionale Druck und die Stressbelastung
  • allein das Verständnis der eigenen Hochsensibilität ermöglichte es den Lehrern bereits, mit der Hochsensibilität besser umzugehen, ihre Situation besser einzuordnen und dadurch sie auch besser zu bewältigen
  • der erste Schritt, um mögliche mit Hochsensibilität einhergehende Belastungen vermindern zu können, liegt demnach in der Erkenntnis und Akzeptanz der eigenen Hochsensibilität

Die Kenntnis der eigenen Hochsensibilität ist also kein Selbstzweck, sondern hilft hochsensiblen Menschen, mit ihrer Hochsensibilität besser umzugehen und dadurch mögliche negative Folgen absenken oder vermeiden zu können.

Ähnliches beschreiben hochsensible Menschen immer wieder:

  • ihre Belastung sinkt und ihre Lebenszufriedenheit steigt, wenn sie ein besseres Verständnis dessen gewinnen, was in ihnen vorgeht

Bedeutung der Hochsensibilitäts-Tests

Auch der Hochsensibilitäts-Test (HSP-Test) ist daher nicht Selbstzweck zur Befriedigung einer Neugierde. Das Testergebnis soll Betroffenen hochsensiblen Personen helfen, ihre Hochsensibilität klarer zu erkennen, sie besser zu verstehen, dadurch Stress zu senken und ihre Lebenszufriedenheit zu steigern.

Durch die Extraskala Belastungsgrad soll dieser Effekt weiter verstärkt werden. Denn dadurch erfahren Betroffene sofort, inwiefern ihre erlebte emotionale Belastung im Vergleich zu anderen Hochsensiblen erhöht, durchschnittlich oder erniedrigt ist.

Dies kann Ausgangspunkt sein, um nach Möglichkeiten zu suchen, eine erhöhte Belastung abzusenken beispielsweise durch bewusste Erholung, Begegnung mit Gleichgesinnten, bessere Akzeptanz der eigenen Hochsensibilität, Naturerlebnisse, Meditation, Erwerb von Stressbewältigungstechniken, Veränderungen der Lebensgestaltung.

Der Hochsensibilitäts-Struktur-Test (HSST-Test) erweitert diesen Ansatz, indem Hochsensibilität nicht nur als Globalmerkmal aufgefasst wird, sondern verschiedene Komponenten hochsensitiver Reaktionsweisen rückgemeldet werden. Dies mag Anlass zu spezifischen Veränderungen geben:

  • so mag eine reduzierte positive Gefühls-Sensitivität Anlass geben, sich stärker auf positive Sinneswahrnehmungen auszurichten
  • eine besonders hohe Wahrnehmung-Sensitivität mag Anlass geben, sich dezidierter Auszeiten zu nehmen oder die eigene Umgebung so umzugestalten, dass eine Überlastung durch Wahrnehmungseindrücke nicht oder weniger auftritt
  • erhöhte Empathie und Einfühlung sind positive Eigenschaften, wichtig ist aber darauf zu achten, sich dennoch ausreichend abgrenzen zu können
  • in ähnlicher Art und Weise ist auch erhöhte moralische Sensitivität in sich typischerweise durchaus positiv, sollte aber nicht zu Selbstvorwürfen oder Schuldgefühlen führen

Jeder einzelne kann anhand der Testergebnisse für sich prüfen, inwiefern die bestehenden Ausprägungen sich günstig, ungünstig oder neutral auf den eigenen Alltag und das emotionale Erleben auswirken.

Ergeben sich ungünstige Auswirkungen, kann über Veränderungen und verbesserte Bewältigung nachgedacht werden.
Ergeben sich günstige Auswirkungen, können diese als Ressourcen erkannt und wertgeschätzt werden, eine Bewusstmachung, die zu erhöhter Lebenszufriedenheit beitragen kann.

Bewusstwerdung

Bewusstwerdung der eigenen Persönlichkeit ist gerade für hochsensible Menschen ein wichtiger Faktor für die eigene emotionale Stabilität, die Senkung von Belastungen und Überforderung sowie die Lebenszufriedenheit.

Selbsterkenntnis ist insofern ein Weg und ein Ziel, von dem hochsensible Menschen besonders profitieren können.

About Author:

Guido F. Gebauer, studierte Psychologie an den Universitäten, Trier, Humboldt Universität zu Berlin und Cambridge (Großbritannien). Promotion an der University of Cambridge zu den Zusammenhängen zwischen unbewusstem Lernen und Intelligenz. Im Anschluss rechtspsychologische Ausbildung, Tätigkeit in der forensischen Psychiatrie und 10-jährige Tätigkeit als Gerichtsgutachter. Gründung der psychologischen Kennenlern-Plattform www.Gleichklang.de 2006. Lebt und arbeitet in Kambodscha. Schreibt für Hochsensible.eu und vegan.eu.

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