So können Hochsensible glücklich werden

Dieser Artikel geht um das Glück, welches unser aller Ziel ist. Die Ausgangsfragen des Artikels lauten:

  • Fällt es hochsensiblen Menschen leichter oder schwerer, glücklich zu sein? 
  • Was können Menschen mit Hochsensibilität (HSP) tun, um glücklich zu sein?

Mit welchem Ansatz werden die Fragen beantwortet:

  • Ich habe mir die Angaben von 6309 Menschen angeschaut, die sich an dem von mir entwickelten Test “ bin ich hochsensibel? „ beteiligt haben. Unter ihnen befinden 963 Personen, die nach dem Testergebnis nicht hochsensibel sind. 1914 Personen sind nach dem Ergebnis des Tests teilweise hochsensibel, 3432 Personen sind vollumfänglich hochsensibel.
  • Der Test misst nicht nur Hochsensiblität, sondern er misst auch, wie gut es hochsensiblen Menschen gelingt, mit ihrer Hochsensibilität so umzugehen, dass sie eine Ressource ist. Bei 48,8 % der Befragten fungiert die Hochsensibilität nach dem Testergebnis vorwiegend als Ressource. Bei 35,5 %  sind Ressourcen und Belastungen erkennbar. Bei 21,6 % scheint die Hochsensibilität mit Belastungen verbunden zu sein.
  • Außerdem haben alle Test-Teilnehmenden angegeben, wie glücklich sie derzeit in ihrem Leben sind. Diese Einschätzung erfolgte auf einer 7-stufigen Skala von sehr unglücklich bis sehr glücklich (sehr unglücklich, unglücklich, eher unglücklich, weder noch, eher glücklich, glücklich, sehr glücklich).
  • Auf der Grundlage dieser Informationen konnte ich mir Zusammenhänge anschauen zwischen Hochsensibilität, dem Ressourcen-Belastungs-Charakter von Hochsensibilität und dem Lebensglück.

Hochsensibilität und Lebensglück

In Tabelle 1 ist angegeben, wie viele der nicht hochsensiblen, teilweise hochsensiblen und vollumfänglich hochsensiblen Befragten sich als mehr oder weniger glücklich oder unglücklich bezeichneten. Die Zahlen beziehen sich auf Prozente. Zur Erläuterung: Die erste Zahl links in der ersten Zeile lautet 2,5. Sie bedeutet also, dass 2,5 % der nicht hochsensiblen Befragten angegeben haben sehr unglücklich zu sein.

Tabelle 1: Prozentuale Verteilung der Glücks-Stufen in Abhängigkeit von Hochsensibilitäts-Skala des HSP-Test

Glück/Hochsensibel nicht hochsens. (%)
teilweise hochsens. (%)
hochsensibel (%)
sehr unglücklich 2,5 1,9 3,6
unglücklich 5,7 5,8 6,6
eher unglücklich 18,9 19,6 19,3
weder noch 13,8 17,8 16,3
eher glücklich 35,2 35,4 34,3
glücklich 20,3 16,4 16
sehr glücklich 3,8 3 3,6

Die Durchsicht der Zahlen Tabelle 1 führt zu dem Eindruck, dass sich die hochsensiblen, teilweise hochsensiblen und nicht hochsensensiblen Testeilnehmer kaum dahingehend unterscheiden, wie glücklich oder unglücklich sie sind.

Bestätigt wird dieser unmittelbare Eindruck durch eine statistische Korrelationsanalyse, bei der geschaut wurde, ob in den Daten ein Zusammenhang zwischen den Angaben zum Glück und dem Testergebnis besteht. Eine Korrelation kann numerisch zwischen -1 und +1 schwanken, wobei ein Wert von 1 für einen perfekten positiven oder negativen Zusammenhang spricht. Ein Wert von Null bedeutet, dass zwei Merkmale nichts miteinander zu tun haben.

Es zeigte sich eine Korrelation von r = -0,043. Diese Korrelation ist so verschwindend gering, dass sie im Grunde das Gleiche bedeutet wie ein Null-Zusammenhang. Lediglich 0,18% der Unterschiede im Lebensglück lassen sich demnach statistisch mit Hochsensibilität erklären. Dies ist so wenig, dass es vernachlässigt werden kann.

Faktisch haben Hochsensibilität und Glück offenbar per se nichts miteinander zu tun. Dies bedeutet: Im Durchschnitt werden hochsensible Menschen ebenso glücklich oder unglücklich wie nicht hochsensible Menschen. Die Chancen, glücklich zu sein, werden durch Hochsensibilität weder gesenkt noch erhöht.

Ressourcen-Belastungs-Skala und Lebensglück

Die Daten in Tabelle 2 schließen hochsensible und teilweise hochsensible Menschen ein. Untersucht wird jetzt der Zusammenhang zwischen dem Lebensglück und den Ergebnissen in der Ressourcen-Belastungs-Skala des Tests. Macht es einen Unterschied, ob Menschen ihre Hochsensibilität vorwiegend als Ressource, als Belastung oder beides erleben?

In Tabelle 2 ist angegeben, wie viele der nicht hochsensiblen, teilweise hochsensiblen und vollumfänglich hochsensiblen Befragten sich als mehr oder weniger glücklich oder unglücklich bezeichneten. Die Zahlen beziehen sich auf Prozente. Zur Erläuterung: Die erste Zahl links in der ersten Zeile lautet 10,1. Sie bedeutet also, dass 10,1 % derjenigen, für die ihre Hochsensibilität nach dem Testergebnis vorwiegend eine Belastung ist, sehr unglücklich mit ihrem Leben sind.

Tabelle 2: Prozentuale Verteilung der Glücks-Stufen in Abhängigkeit von Ressourcen-Belastungs-Skala des HSP-Test

Glück/Ressource
Belastung (%)
Belastung & Ressource (%)
Ressource (%)
sehr unglücklich
10,1 1,1 0,5
unglücklich 17,1 5,9 1,2
eher unglücklich 37 23,4 7,9
weder noch 16,4 21,4 12,6
eher glücklich 15,2 37,2 42
glücklich 2,8 9,6 29,1
sehr glücklich 0,6 1,4 6,6

Die Durchsicht der Zahlen in Tabelle 2 weist sofort auf starke Unterschiede im erlebten Lebensglück zwischen Menschen mit dem Testergebnis „Ressource“, „Ressource und Belastung“, sowie „Belastung“ hin. So sind 75,5 % der Personen, bei denen das Testergebnis Ressource lautet, eher glücklich, glücklich oder sehr glücklich. Mit dem Testergebnis Belastung und Ressource sind dies lediglich 48,2 %. Beim Testergebnis Belastung sinkt dieser Prozentsatz weiter auf lediglich 18,6 %.

Entsprechend steigen die Raten der Unglücklichen, wenn der Umgang mit der eigenen Hochsensibilität betrachtet wird. Bei denjenigen, die ihre Hochsensibilität als Ressource nutzen können, geben lediglich 9,6 % an, eher unglücklich, unglücklich oder gar sehr unglücklich zu sein. Bei denjenigen, wo Hochsensibilität vorwiegend eine Belastung ist, steigt der Prozentsatz der Unglücklichen auf 64,2 % an.

Statistisch berechnet, ergibt sich eine Korrelation von r = ,53 zwischen dem Ressourcen-Charakter der eigenen Hochsensibilität und dem Lebensglück. Diese Korrelation ist von substantieller Höhe und statistisch signifikant. Die Zusammenhänge belegen gleichzeitig die hohe Aussagekraft der im HSP-Test enthaltenen Skala „Ressource versus Belastung„.

Demnach macht es offenbar einen entscheidenden Unterschied, wie Menschen mit ihrer Hochsensibilität umgehen:

  • Gelingt es Hochsensiblen, aus ihrer Hochsensibilität das Beste zu machen, steht dem Lebensglück nichts im Wege.
  • Wird die Hochsensibilität aber vorwiegend als Belastung umgesetzt, sind Menschen wesentlich unglücklicher.
  • In der Mitte liegen diejenigen, bei denen ihre Hochsensibilität im Alltag sowohl Ressource als auch Belastung ist.

Was bedeuten die Ergebnisse?

Die Ergebnisse bedeuten, dass hochsensible und nicht-hochsensible Menschen mit gleicher Wahrscheinlichkeit Glück und Zufriedenheit im Leben erreichen können. Ob jemand hochsensible ist oder nicht, sagt also nichts darüber aus, ob er glücklich oder unglücklich ist.

Häufig wird Hochsensibilität als Problem diskutiert. Geschildert werden zahlreiche Beschwerden, die sich für Hochsensible ergeben können, wenn sie mit der nicht hochsensiblen Welt konfrontiert werden. Die Diskussionen gehen bis hin zu psychischen Erkrankungen, wie Ängsten oder Depressionen. Manchmal entsteht beim Lesen solcher Diskussionen der Eindruck,  dass Hochsensibilität als Krankheit wahrgenommen wird.

Diese Befragung von tausenden hochsensiblen Menschen belegt, dass so eine Problemsicht der Hochsensibilität einseitig ist. In Wirklichkeit macht Hochsensibilität an sich weder glücklich noch unglücklich. Das Lebensglück hängt vielmehr davon ab, wie man mit der eigenen Hochsensibilität umgeht:

  • Hochsensible können mit ihrer Hochsensibilität positiv umgehen und sie als Ressource im Alltag verankern. Tun sie dies, sind sie mit ihrem Leben im Regelfall glücklich und zufrieden.
  • Hochsensible können mit ihrer Hochsensibilität aber auch überfordert sein und sie im Alltag vorwiegend als Belastung erleben. Ist dies der Fall, sinkt die Lebenszufriedenheit.

Wie lässt sich die Lebenszufriedenheit steigern?

Was tun, wenn Hochsensibilität im Alltag eine Belastung ist und dadurch die Lebenszufriedenheit sinkt? Aus psychologischer Sichtweise und auch bei Berücksichtigung der Ressourcen-Belastungs-Skala des HSP-Test ergeben sich hier vielfältige Möglichkeiten. Die Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit:

  • Machen Sie sich klar, dass Ihre Hochsensibilität an sich nicht das Problem ist. Finden Sie einen positiven, bejahenden Zugang zu Ihrer Hochsensibilität. Sich selbst mit der eigenen Hochsensibilität annehmen zu können, ist eine wichtige Voraussetzung für ein positives Selbstwerterleben und Selbstsicherheit im sozialen Umgang.
  • Hadern mit der nicht-hochsensiblen Welt hilft nicht. Denn sie wird sich nicht grundlegend ändern. Hadern löst keine Probleme und verbessert nichts, sondern führt nur zu Verbitterung und dauerhafter Unzufriedenheit.
  • Selbsterfahrung, Meditation, bewusstes Aufsuchen von Stille und Spaziergänge in der Natur helfen, das emotionale Gleichgewicht zu stabilisieren und von hochsensitiven Verarbeitungsweisen profitieren zu können. Nehmen Sie sich regelmäßig kurze Auszeiten, damit Ihnen nicht alles zu viel wird.
  • Gestalten Sie Ihr soziales Umfeld. Sie können sich nicht alle Menschen in Ihrem sozialen Umfeld aussuchen. Aber  wir haben mehr Gestaltungsmöglichkeiten als wir oftmals denken. Suchen Sie sich hochsensible Freunde und besuchen Sie eine Selbsthilfegruppe. Der Umgang mit Menschen, die ähnlich gestrickt sind, kann sehr erleichternd sein und viele Belastungen des Alltags ausgleichen
  • Gehen Sie offen mit Ihrer Hochsensibilität um, ohne diese als Problem darzustellen. Häufig erhalten wir mehr Verständnis und Zuspruch als wir denken, wenn wir erst einmal auf andere zugehen und ihnen unser Erleben schildern. Geradezu unverzichtbar ist dies für partnerschaftliche Beziehungen. Arbeiten Sie gemeinsam daran, einen Modus zu finden, wie sie beide sich besser verstehen und Positives miteinander erleben können
  • Die Konfrontation mit der nicht-hochsensiblen Welt lässt sich nicht vermeiden. Im Alltag und im Arbeitsleben werden immer wieder Anforderungen an uns gestellt werden, die wir nicht unmittelbar als vereinbar mit unseren hochsensitiven Wahrnehmungsprozessen erleben. Es macht keinen Sinn, diesen auszuweichen, sondern  wir müssen uns ihnen stellen. Erwerben Sie Techniken für eine effektive Problem- und Konfliktlösung, selbstsicheres Auftreten, positive Stressbewältigung, Entkatastrophisierung, Angstbewältigung und eine entlastende Arbeitsorganisation. Solche auch in verhaltenstherapeutisch orientierten Gruppentrainings erlernbaren Fertigkeiten, werden es Ihnen entscheidend erleichtern, mit ihrer Hochsensibilität im Alltag umzugehen.
  • Lebensziele finden und umsetzen. Hochsensibilität kann Anlass geben, noch einmal vertieft darüber nachzudenken, wie und wo wir leben wollen. Reflektieren Sie Ihre Ziele für Arbeit, Partnerschaft, Freizeitgestaltung und Wohnort. So sind viele Hochsensible in künstlerischen oder  auch sozialen Berufen tätig, offenbar weil diese Tätigkeiten hochsensitiven Wahrnehmungsweisen stärker entgegenkommen. Hilfreich kann auch eine Selbstständigkeit sein, wenn diese machbar und ökonomisch umsetzbar ist. Nicht alles ist in Stein gemeißelt, überlegen Sie, was Sie verändern können, um glücklicher zu werden.

About Author:

Guido F. Gebauer, studierte Psychologie an den Universitäten, Trier, Humboldt Universität zu Berlin und Cambridge (Großbritannien). Promotion an der University of Cambridge zu den Zusammenhängen zwischen unbewusstem Lernen und Intelligenz. Im Anschluss rechtspsychologische Ausbildung, Tätigkeit in der forensischen Psychiatrie und 10-jährige Tätigkeit als Gerichtsgutachter. Gründung der psychologischen Kennenlern-Plattform www.Gleichklang.de 2006. Arbeitet seither als Psychologe für Gleichklang. Autor bei Hochsensible.eu, vegan.eu und Menschenrechte.eu

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